Die Behauptung, der Markt reguliere alles, wirkt auf den ersten Blick überzeugend, weil sie Einfachheit verspricht. Hinter dieser Vorstellung steht das Bild eines selbststeuernden Systems, das Angebot, Nachfrage und Preise in ein harmonisches Gleichgewicht bringt. Diese Idee besitzt eine starke Anziehungskraft, weil sie Verantwortung von gesellschaftlichen Akteuren auf eine abstrakte Mechanik verlagert. Komplexe soziale Fragen erscheinen dadurch lösbar, ohne dass bewusste Gestaltung notwendig wäre.
Märkte sind jedoch keine Naturkräfte, sondern menschliche Konstruktionen. Regeln, Eigentumsordnungen, Machtverhältnisse und kulturelle Werte formen ihr Verhalten. Preise entstehen innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen, die politisch und sozial gesetzt werden. Jeder Markt spiegelt daher die Struktur der Gesellschaft wider, in der er existiert. Ungleiche Ausgangsbedingungen führen zu ungleichen Ergebnissen, und diese Unterschiede verstärken sich häufig selbst.
Die Vorstellung einer allumfassenden Marktsteuerung blendet soziale Wirklichkeit aus. Bildung, Gesundheit, Fürsorge oder ökologische Stabilität folgen anderen Logiken als reiner Wettbewerb. Wenn solche Bereiche ausschließlich nach Marktprinzipien organisiert werden, verschiebt sich ihr Zweck: Aus Versorgung wird Verwertung, aus Verantwortung wird Kalkulation.
Lebensbereiche, die auf Vertrauen, Solidarität und langfristige Stabilität angewiesen sind, verlieren an Substanz, sobald allein Preis und Effizienz entscheiden.
Geschichte und Gegenwart zeigen, dass unbegrenzter Marktglaube Machtkonzentrationen begünstigt. Große Akteure verfügen über mehr Ressourcen, Informationen und Einflussmöglichkeiten als kleine. Daraus entstehen Strukturen, in denen Wettbewerb schrittweise abnimmt, obwohl er als Grundprinzip gilt. Der Markt reguliert sich unter solchen Bedingungen nicht selbst, sondern wird von den Stärksten reguliert. Ohne gesellschaftliche Leitplanken verfestigen sich Dominanzverhältnisse.
Gesellschaftliche Ordnung beruht auf mehr als Tausch und Gewinn. Gemeinsinn, Recht, Vertrauen und Verantwortung bilden das Fundament stabiler Lebenswelten. Märkte können innerhalb dieses Rahmens produktiv wirken, indem sie Innovation und Austausch fördern. Eine funktionierende Gemeinschaft entsteht jedoch erst dort, wo wirtschaftliche Dynamik mit sozialen Maßstäben verbunden wird. Der Markt ist ein Werkzeug – kein Ersatz für gesellschaftliche Gestaltung.
Die Erzählung von der allregulierenden Kraft des Marktes wirkt deshalb weniger wie eine Beschreibung der Realität als wie ein Glaubenssatz. Sie vereinfacht Zusammenhänge, die in Wahrheit vielschichtig sind, und übersieht die Verantwortung menschlichen Handelns. Zukunftsfähige Gesellschaften entwickeln sich dort, wo wirtschaftliche Prozesse bewusst eingebettet werden in Werte, Regeln und Mitverantwortung.
Gestaltung ersetzt Mythos, sobald Menschen erkennen, dass Systeme nur so gerecht sind wie die Prinzipien, auf denen sie beruhen.
2026-02-18